Gedanken zur Woche von Sr. Brigitte Kaufmann

16. Juni 2020

Warten- eine Kostbarkeit?
Diese Woche berichtete die BBC News-Website über den Erfolg eines Buchhändlers, der ein gebrauchtes Buch für einen Pence gekauft und für 4.600 Pfund weiterverkauft hatte. Ein anderer hatte ein Buch für einen Pfund gekauft und es für 28.500 Pfund verkauft!
Manchmal weiß man nicht wie wertvoll etwas ist. Manchmal weiß man auch nicht wie kostbar etwas ist oder werden kann. So wie der Inhalt eines Buches einen so packen und verändern kann, dass man nicht mehr der/die alte ist. Oder auch andere Lebenssituationen.
Dass wir viel Lebenszeit mit Warten verbringen, ist keine neue Erkenntnis. Dass Warten auch einen besonderen Wert haben kann, das kommt zumindest mir nicht so schnell in den Sinn, da ich eher ein ungeduldiger Mensch bin. Wer warten muss, braucht Geduld; und manchmal viel davon. Wer warten muss, muss warten können.
„Die Kunst des Wartens besteht darin, inzwischen etwas anderes zu tun.“ Dieser schöne starke Satz stammt von dem Schriftsteller Heinrich Spoerl. Gut, dann halte ich die Augen offen, übe mich im Warten, hoffe Gutes und bete. Ich versuche den Tag als Geschenk zu sehen- auch bei allen Unklarheiten. Ja, das ist tatsächlich auch wertvoll. Ich spüre das Leben. Ich spüre wofür ich dankbar bin, was mir fehlt, was ich mir wünsche, wofür ich mich einsetzen will und was meine Hoffnung ist.
In Deutschland warten etwa 8.000 Dialysepatienten und -patientinnen auf eine Nierentransplantation. Wer sie tatsächlich bekommt, hat am Ende im Durchschnitt acht Jahre darauf gewartet. Und hier bedeutet Warten, abhängig zu sein von medizinischen Geräten, engmaschig untersucht zu werden, sich selbst streng zu kontrollieren und sich immer bereitzuhalten. Und es bedeutet auch, öfter hart zu ringen und zu hadern mit der Situation. Die meisten jedoch warten vergeblich auf eine Transplantation. Ich weiß, dass manche aus der Schulgemeinschaft auch darauf warten, dass ein Familienmitglied gesund wird. Dass diese Wartezeit eine kostbare Zeit ist, mag wohl keiner sagen.
Dietrich Bonhoeffer, Theologe im 2. Weltkrieg und Gegner des Nationalsozialismus, hat seine Gedanken aufgeschrieben und so Einblick in seine Wartezeit gegeben.
„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“
„Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“
Ich wünsche Dir, dass Dein Warten eine kostbare Zeit ist mit vielen guten Erfahrungen.

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